Die ersten Workshops (15.08.2011)

Nach einer ruhigen Nacht in unseren Kojen und einem Frühstück, bei dem wir erste Kontakte mit unseren japanischen Mitreisenden knüpfen können, starten wir in den Tag, indem wir das Peace Boat Team kennen lernen.

Danach beginnt mit einem Workshop zum Thema ‚Arabischer Frühling‘, mit dem Schwerpunkt auf Libyen, unsere inhaltliche Arbeit auf dem Schiff. Adel, unser Workshopleiter ist selbst japanisch-libyscher Herkunft und hat den größten Teil seiner Kindheit und Jugend in Libyen verbracht. Er erzählte uns die Geschichte hinter dem Krieg in Libyen: Mit Gaddafi, der 1969 mit einem Militärputsch gegen König Hussein an die Macht kam, verwandelte sich Libyen in ein sozialistisches, antiwestliches Land mit kostenloser Bildung und medizinischer Versorgung für alle, jedoch ohne freie Meinungsäußerung oder freie Medien. Adel fasste die Situation mit einem Satz zusammen: „If you don’t talk about politics, you can live a good life“.

Diese Situation änderte sich allerdings in den letzten 10 Jahren. Der Irakkrieg ließ Gaddafi fürchten, der ‚nächste Saddam Hussein‘ zu werden. Um dies zu verhindern richtete er Libyen stärker nach Westen aus und öffnete die heimische Wirtschaft. In den kommenden Jahren wurde das Leben in Libyen immer schwieriger, die soziale Kluft zwischen Reichen und Armen wurde größer und es machte sich eine allgemeine Frustration innerhalb der Bevölkerung breit, die durch Gaddafis inoffizielle Ankündigung, sein Sohn werde später seine Nachfolge antreten, weiter verstärkt wurde. Adel beschrieb, wie in diese Situation die erfolgreichen Revolutionen in Tunesien und Ägypten Anfang des Jahres fielen und meinte, dass dieses ‚Timing‘ ca. 10 Prozent der Motivation der Aufständischen ausmachte. Adel schätzt die Unterstützung der Anti-Gaddafi-Aufständischen auf 90 Prozent der libyschen Bevölkerung. Er erzählte uns, wie bei einer Demonstration in Tripolis von Unbekannten aus einem Auto wahllos in die Menge geschossen wurde und sagte, dass bereits in den ersten Tagen eine sehr große Zahl an Menschen durch das brutale Vorgehen des Regimes sterben musste. Bis Teile des Militärs überliefen, waren die Aufständischen ohne Waffen, da Gaddafi in den Jahrzehnten zuvor den Besitz der Bevölkerung von größeren Waffen strikt unterbunden hatte. Interessant war für uns von Adel zu hören, dass es im libyschen Militär eine große Menge von Sondereinheiten gibt, die größtenteils von seinen Familienangehörigen befehligt werden und weitgehend mit Soldaten aus anderen Ländern, v.a. Tschad, Niger und Ghana, besetzt ist und so ein starkes Gegengewicht zu der mit Libyern besetzten normalen Armee darstellen. So behielt Gaddafi noch seine militärische Überlegenheit, obwohl die meisten libyschen Soldaten überliefen.

Adel erklärte uns, dass es drei verschiedene Motive gibt, Gaddafi weiterhin zu unterstützen: Entweder man ist verwandt mit ihm, man profitiert persönlich von seinem Machtapparat, oder man versteht nicht, was vor sich geht. Bezüglich der Rolle der der Medien, meinte Adel, dass sie insgesamt ein korrektes Bild der Situation in Libyen zeichneten, jedoch fälschlicherweise oft von sogenannten „Stämmen“ gesprochen wird. Angesprochen auf die Rolle der internationalen Gemeinschaft, meinte Adel, dass eine direkte Unterstützung der Aufständischen durch Waffenlieferungen besser gewesen wäre als die NATO-Intervention. Darüber hinaus fände er es besonders wichtig, dass sich Staaten, wie auch Deutschland, entscheiden, auf welcher Seite sie stehen wollen, unabhängig von den Mitteln, mit denen sie diese dann unterstützen.

Für uns war es beeindruckend von jemandem, der lange selbst in Libyen gelebt und immer noch Familie dort hat, diese Informationen und Einschätzungen zu erhalten. Darüber hinaus fiel uns auf, dass für Adel anscheinend in der jetzigen Situation nur ein militärischer Sieg über Gaddafi die Situation lösen kann. Zudem machte er deutlich, dass die Aufständischen ohne internationale Unterstützung den Krieg bereits verloren hätten. Dies löste eine Diskussion über mögliche Alternativen zu einem militärischen Vorgehen aus. Abschließend versuchten wir gemeinsam heraus zu finden, warum die Revolutionen in Tunesien und Ägypten so anders verlaufen sind als die in Libyen. Es wurde deutlich, dass insbesondere der Unterschied in der Strukturierung der Armeen einen entscheidenden Unterschied machte, da Gaddafi durch seine militärischen Sondereinheiten die militärische Oberhand behielt.

Zum Abschluss des inhaltlichen Programms dieses Tages hatten wir noch einen weiteren Workshop, in dem wir uns damit beschäftigten, wie es zu Revolutionen kommt (am Beispiel von Ägypten) und wie sie enden, insbesondere wie man vor dem Internationalen Strafgerichtshof mit ehemaligen Diktatoren umgehen kann. Hier zeigte uns Jasna, eine Journalistin und Mitarbeiterin des Peace Boats auf, dass es im Zusammenhang mit der Revolution in Ägypten zwei Mythen gibt, die in den Medien zwar immer wieder wiederholt werden, aber dennoch nur ein sehr eingeschränktes Bild zeigen: Zum einen die Behauptung, es sei spontan zur Revolution in Ägypten gekommen, zum anderen die Annahme, dass Facebook die zentrale Rolle bei dem Ausbrechen der Revolution gespielt hätte. Jasna stellte uns sehr schlüssig dar, dass es seit über zehn Jahren vermehrte Bemühungen zu einer Veränderung in Ägypten gab und dass mit der Gründung der Organisation 6. April im Jahre 2008 (benannt nach dem 6. April 2008, wo es einen sehr erfolgreichen Generalstreik gegeben hatte) Aktivisten begannen, sich konkret auf einen gewaltlosen Widerstand gegen das Regime von Mubarak vorzubereiten. Einige von ihnen ließen sich sogar in Serbien vom Institute for Democratic and Non-violent Strategies in der Durchführung einer gewaltlosen Revolution schulen (nach dem Beispiel der Revolution in Serbien zur Jahrtausendwende). Unter anderem lernten sie, dass es, um große Massen mobilisieren zu können, eines einzigen gemeinsamen Slogans bedarf. Im ägyptischen Fall wurde dies ‚Mubarak muss gehen!‘.

So war dann, Anfang des Jahres, als nach der erfolgreichen Revolution in Tunesien auch in Ägypten die Revolution begann, alles vorbereitet: Von der Fähigkeit Leute zu mobilisieren, über die Versorgung von Verwundeten, dem Schutz vor der Polizei hin zu der Versorgung der Menschen auf dem Tahrir-Platz mit Nahrung und Decken. Damit erklärt sich auch, dass Facebook nichts weiter war, als ein wichtiges Kommunikationsinstrument; der entscheidende Faktor für die Revolution aber war die Vorarbeit der Bewegung 6. April.

Anschließend diskutierten wir mit Nenad, einem wichtigen Mitarbeiter des International Court for Former Yugoslavia (ICTY) welche Schwierigkeiten es geben kann, wenn es darum geht, Diktatoren, nachdem sie gestürzt wurden, vor Gericht zu stellen. Das vielleicht wichtigste Ergebnis unserer Diskussion war die Feststellung Nenads, dass es eine große Diskrepanz gibt zwischen der Unschuldsvermutung, des vermutlich wichtigsten juristisch-ethischen Grundsatzes, und der generellen Annahme, dass wenn Diktatoren vor Gericht gestellt werden, sie auf jeden Fall verurteilt werden. Damit wird die Frage aufgeworfen, ob wir es hinnehmen könnten, wenn jemand, von dem ‚allgemein bekannt‘ ist, dass er oder sie schreckliche Verbrechen begangen hat (wie z.B. Gaddhafi), freigesprochen wird, wenn es der Anklage nicht gelingt, die Schuld des/der Angeklagten über alle Zweifel erhaben beweisen zu können.

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Eine Antwort auf Die ersten Workshops (15.08.2011)

  1. Klaus Zipfel sagt:

    Eine sehr interessante Seite mit einem sehr fesselnden Reisebericht. Die Menschen hier wissen viele Hintergründe des Landes gar nicht. Woher auch. Es ist immer gut, wenn man seinen persönlichen Eindrücke völlig objektiv und wertungsfrei äußert, damit sich auch andere über das Land Libyen ein klares Bild machen können. Herzlichen Dank dafür und weiter so. LG Klaus Zipfel

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