Intensive Diskussionen auf hoher See (18.08.2011)

Den vierten Tag unserer spannenden Peace Boat-Reise verbrachten wir komplett auf hoher See zwischen Ägypten und der Türkei. Der verstärkte Seegang machte einigen Tübinger Mägen etwas zu schaffen.

Nach einem wunderbar entspannten Vormittag mit gemütlichem Ausschlafen und Sonnenbaden am Pool begann die inhaltliche Arbeit mit Nenad Fiser zum Internationalen Straftribunal für das ehemalige Jugoslawien (ICTY) in Den Haag. Nenad, der eigentlich Professor für Philosophie ist und selbst aus Sarajevo kommt, arbeitet dort seit 17 Jahren als Intelligence Analyst im Büro des Chefanklägers. Nenad gab uns einen detaillierten Einblick in die Strukturen und Arbeitsweisen des ICTY. Dabei hob er besonders hervor, welchen Beitrag der ICTY für die Weiterentwicklung des internationalen Strafvölkerrechts geleistet hat. Auch wenn die Kosten und die Ineffizienz des ICTY oftmals kritisiert werden, hat er doch relativ schnell auf die Krise auf dem Balkan reagiert und das jährliche Budget des ICTY (171 Mio. US-Dollar) entspricht nur einer Stunde der weltweiten jährlichen Ausgabe für Rüstung. Am meisten hat uns jedoch Nenads Antwort auf die Frage beeindruckt, wie die Arbeit am ICTY ihn persönlich verändert hat, vor allem, da Nenad selbst vor dem Krieg in Sarajevo geflohen ist. Neben der schrecklichen Erfahrung enge Freunde aus Sarajevo auf der Liste der Angeklagten zu finden, war es für ihn gleichzeitig eine Erleichterung Genaueres über die Verbrechen des Krieges zu erfahren und so seiner Ungewissheit und diffusen Befürchtungen zu begegnen. Nenad hat daraus gelernt, das Gute im Menschen nicht mehr als selbstverständlich anzusehen, sondern es zu schätzen.

Nach dem Mittagessen fand ein erster enger kultureller Austausch mit japanischen Studierenden statt. Dazu wurden wir in deutsch-japanischen „Friend Couples“ aufgeteilt und verbrachten den frühen Nachmittag zusammen. Neben Fußballspielen, Japanischlernen, Trommeln und im Jakuzzi baden, fanden je nach Kommunikationsmöglichkeit auch tiefergehende Diskussionen statt. Einige von uns hatten auch das Glück, einen echten japanischen Kimono tragen zu dürfen. Dies hat uns allen großen Spaß gemacht!

Nachmittags fanden wir uns wieder mit Nenad zu einer zweiten inhaltlichen Sitzung zusammen. Sein wissenschaftliches Interesse gilt der Frage, wie Propaganda und Hetztiraden international strafrechtlich besser verfolgt werden können, was wir morgen in einer weiteren Sitzung vertiefen werden.

Ein besonderes Highlight war unsere erste eigene öffentliche Veranstaltung an Bord zum Thema „From Fukushima to Germany“. Nach einer Einführung des Peace Boat-Staff zu den Ereignissen in Fukushima im März 2011 und einer kurzen Darstellung der Entwicklung der Anti-Atombewegung in Deutschland durch uns wurden die TeilnehmerInnen in deutsch-japanische Diskussionsgruppen aufgeteilt. Die folgende Debatte hat uns tief beeindruckt. Wir waren positiv überrascht von der großen Teilnehmerzahl und wie offen, kenntnisreich und selbstkritisch die Diskussion verlief. Erschrocken hat uns, wie schwierig es offenbar ist, in Japan ausgewogene Informationen von der Regierung zu erhalten und dass dies vielen JapanerInnen erst nach Fukushima bewusst wurde. Sehr selbstkritisch habe einige japanische TeilnehmerInnen analysiert, dass Japan im Gegensatz zu Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg keine Kultur der Selbstreflexion entwickelt hat und daraus resultiert noch heute, dass die Position der Regierung meist nicht hinterfragt wird. Die Anwesenden, unter ihnen auch junge JapanerInnen aus der Umweltbewegung, waren beeindruckt davon, wie es in Deutschland gelungen ist, aus der Anti-Atomkraftbewegung einen politischen Konsens zu formen. Dabei wurden aber auch Teile der deutschen Politik hinterfragt, wie beispielsweise der Import von Atomstrom aus Frankreich.

Nach diesem beeindruckenden Event ließen wir den Abend gemütlich bei einem Dinner mit dem International Staff des Peace Boats und einer sehr lustigen japanischen Talentshow ausklingen.

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Eine Antwort auf Intensive Diskussionen auf hoher See (18.08.2011)

  1. Sophia & Phil sagt:

    Hallo ihr Lieben!

    Wir verfolgen euren Blog und eure Reise mit großem Interesse von Zürich aus und wäre auch mal wieder gerne dabei… Schade, dass das Treffen mit den Studenten in Kairo nicht geklappt hat – dafür werdet ihr sicher jede Menge spontane und sehr interessante Dinge erleben, die so nicht geplant waren. Bis jetzt klingt euer Programm auf jeden Fall super! Wir drücken die Daumen für die großen Präsentationen und grüssen ganz besonders Nenad, Rami (falls er noch an Bord ist), Ruben und natürlich Jasna! Sophia & Phil

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