Zeit Abschied zu nehmen

Für unseren letzten Abend kündigte die Bordzeitung „Onboard Newspaper“ eine Abschiedsparty auf dem Achterdeck, das über eine Bar verfügt und großzügig Platz zum Tanzen bietet, an. Parallel zu unser Party fand noch eine griechische Party statt, sodass es an uns lag, unsere japanischen Freunde, die Internationals an Bord und sonstige Gäste einzuladen, wozu wir den Tag, insbesondere aber den japanischen Nachmittag nutzen.

Als wir alle nach und nach gegen 21:30 Uhr eintrudelten, wurde uns ziemlich schnell klar, dass nicht nur wir und unsere zahlreich erschienenen Freunde den bevorstehenden Abschied bedauerten. Auch ein kräftiger Nordwind schien uns an der Ankunft in Athen und dem Ende unserer Reise hindern und zurück auf das Mittelmeer blasen zu wollen. Dem einen oder der anderen wird wohl angesichts unserer Position und dem Wetter klar geworden sein, wie Odysseus sich in den gleichen Gewässern bei seiner Rückkehr von der Schlacht um Troja so hatte verirren können. Möglicherweise hatte uns aber auch die griechische Party zum zweiten Mal an diesem Abend einen Strich durch die Rechnung gemacht und Poseidon wollte Rache an uns nehmen, weil er nicht eingeladen worden war…

Ungeachtet der windigen Umstände ließen wir den Abend mit ein paar Getränken und netten Gesprächen beginnen, bevor wir von den JapanerInnen mit einem Gruppentanz zum Abschied überrascht wurden. Wie schon ein paar Tage zuvor bei der Präsentation über das Kriegsende im Pazifik waren wir beeindruckt von der Choreographie und gerührt von der Mühe, die sich die Passagiere beim Einstudieren offenbar gegeben hatten. Einige von uns versuchten sich anschließend und auf Einladung unserer Freunde selbst an dem Tanz, der anschließend noch einmal von einem international gemischten Ensemble vorgeführt wurde. Anschließend begann der ausgelassene Teil der Party. Liebe Worte und Kontaktdaten wurden ausgetauscht und bis um elf wurde getanzt, getrunken und sich unterhalten. Auf Grund des Barschlusses und des immer aufgebrachteren Poseidon verlief sich die Feiergesellschaft zum Schlafengehen oder an stillere Orte, um noch ein wenig zu reden oder gemeinsam zu musizieren. Einige verlegten die Party in die Starlight Lounge, wo noch bis kurz nach zwei zu Weltmusik, Reggaeton und Ska getanzt und getrunken wurde.

Am nächsten Morgen wurden wir liebevoll von der bekannten Stimme geweckt, die den Rest des Schiffes – und das kann man trotz mangelhafter Japanischkenntnisse sagen – darauf hinwies beim Landgang die „ID-Cardo“ nicht zu vergessen. Nachdem wir gefrühstückt und unsere Sachen gepackt hatten, fanden wir uns alle am Pooldeck ein, um uns voneinander sowie von Jasna, Nenad und Ruben zu verabschieden. Unsere Koordinatorinnen eröffneten mit Abschiedsworten und verteilten noch ein paar japanische Lesezeichen, die ein Passagier, der in einem Museum angestellt ist, ihr für uns zum Abschied gegeben hatte. Schließlich waren Jasna, Nenad und Ruben an der Reihe, für unser Projekt ihre Friedensverständnisse preiszugeben und ihrerseits einige Abschiedsworte zu sprechen. Abschließend wurden als Dank Peaceboat T-Shirts and Jasna, Nenad und Ruben überreicht und im Namen der Gruppe erhielten auch Marina und Anne Geschenke und Danksagungen, bevor wir noch ein Gruppenfoto machten.

Gegen elf Uhr fanden wir uns an der Rezeption ein, um auszuchecken, unsere Rechnungen entgegenzunehmen und schließlich das Peace Boat auf seiner 74ten Reise um die Welt zu verlassen. Zum Andenken durften wir unsere „ID-Cardo“ behalten, die uns an eine Reise voller Erfahrungen, Eindrücke und neuer Freundschaften erinnern wird. Eine Reise, auf der wir nicht nur Krisenregionen besuchten und die dort lebenden Menschen und Friedensaktivisten trafen oder uns in den Vorlesungen an Bord weiterbildeten, sondern vor allem eine Reise, die wir ein Stück weit gemeinsam mit Menschen einer anderen Kultur machen durften, mit denen wir ins Gespräch kamen, uns ausgetauscht und diskutiert haben. Aus Menschen, die uns in Deutschland noch so fremd erschienen, dass wir uns sogar einer Einführung in die japanische Knigge unterzogen, wurden Mitreisende, Menschen mit faszinierenden Geschichten und unterschiedlichsten Gründen, um an dieser Reise teilzunehmen und schließlich sogar Vertraute und Freunde.
So bleibt als entscheidender Eindruck unserer Reise für den Frieden die Erkenntnis, dass Gemeinsamkeiten wichtiger sind als Unterschiede und jede Fremdheit durch aufrichtiges Interesse überwunden werden kann.

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Eine Antwort auf Zeit Abschied zu nehmen

  1. Hape Etzold sagt:

    Tolle Quintessenz: “Gemeinsamkeiten wichtiger…als Unterschiede und jede Fremdheit durch aufrichtiges Interesse überwunden werden kann”. Das sollte auch die europäische Öffentlichkeit beherzigen. Egal, wie schlecht der Euro im Moment vielleicht da steht, bis vor 20-30 Jahren wurde jede zweite Generation in einem europäischen Krieg verheizt. Oder es wurde damit gedroht. Ist doch lächerlich, jetzt Europa zu verabschieden, nur weil sich ein paar Großbanken verzockt haben. Die Griechenland-Abschreibung heute ist wahrscheinlich nur ein Mini-Posten eines Kriegshaushalts aus dem Kalten Krieg.

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