Dritte Station: Valetta, Malta

Nach einem Tag auf See war der Hafen von Valletta auf Malta unser nächster Stopp. Keiner von uns war je auf Malta gewesen und überhaupt hatten wir eigentlich keine Vorstellung davon, was uns erwarten würde. Die Ankunft war fast schon surreal: festungsgleich ragte die Insel aus dem Meer. Malte schien aus einem Gewirr von ockerfarbenen Häusern, Kirchen, Mauern und Säulen zu bestehen. Es war wenig verwunderlich, dass Filme wie Troja und Alexander hier gedreht wurden – man fühlte sich tatsächlich wie in eine andere Zeit versetzt.

Der EU-Beitritt 2004 und die 2003 von der EU verabschiedete „Dublin-II-Verantwortung“ hat enorme Auswirkungen auf das kleine Land mit Hinblick auf die vielen Flüchtlinge, die jedes Jahr mit dem Boot – besonders aus Nordafrika – nach Malta kommen.

Laut Dublin-II ist der EU-Mitgliedsstaat, in den eine Person zuerst (illegal) in die EU einreist für die Bearbeitung des Asylantrags zuständig. Somit wird – laut der EU – verhindert, dass Asylanten in mehreren EU Staaten gleichzeitig einen Asylantrag stellen und somit das System „missbrauchen“. Letztendlich führt die Dublin-II Verordnung dazu, dass wenige EU Staaten an den Außengrenzen – insbesondere Staaten am Mittelmeer wie Malta – für den Großteil der Flüchtlinge zuständig sind, während Staaten im Herzen Europas, z.B. Deutschland, nur für einen Bruchteil der Asylsuchenden verantwortlich sind und viele Flüchtlinge in ihre Ersteinreiseländer abschieben können.

Aufgrund dieser extrem Lage für Flüchtlinge und den unmenschlichen Bedingungen, denen sie in Europa ausgesetzt werden, stand auch diese Problematik im Mittelpunkt unseres Maltaaufenthaltes.  Mit unserem Besuch beim Jesuit Refugee Service (JRS) in Valletta wollten wir uns einen Eindruck der Lage der Flüchtlinge vor Ort machen. Durch die Schilderungen von Dr. Katrine Camilleris, die als Juristin für den JRS tätig ist, bekamen die Flüchtlinge in Malta ein Gesicht. Es ist eine Sache zu wissen, dass jedes Jahr 1.600 – 1.800 Flüchtlinge in Malta stranden, was bei einer Bevölkerung von ca. 450.000, sehr hoch ist; eine andere ist es, über den Ablauf eines Asylverfahrens auf Malta zu erfahren.

Dr. Camilleris

Das Prozedere, welches Flüchtlinge durchlaufen müssen, ist stets dasselbe, für Kinder gibt es dabei keine Ausnahme. Auf Malta angekommen werden alle Flüchtlinge registriert, und anschließend in sogenannte detention camps – Internierungslager – gebracht. Dort bleiben sie je nach Behördengeschwindigkeit bis zu 18 Monaten. In den detention camps gelten strenge Regeln, an die sich die Flüchtlinge halten müssen, sonst verlieren sie ihr „Anrecht“ auf ein Bett. Die Wohnbedingungen sind menschenunwürdig – erst vor kurzem wurden zerrissene Zelte als Unterkunft durch Container ersetzt. (Man muss dabei im Hinterkopf behalten, dass auf Malta im Sommer die Temperaturen konstant über 30 Grad Celsius liegen.) An Privatsphäre ist für die Menschen in den Containern gar nicht zu denken, sie leben zusammengedrängt auf engstem Raum ohne die Möglichkeit sich zurück zu ziehen. Die medizinische Versorgung ist nur sporadisch, die Lebensmittelversorgung minimal.

Doch gibt es auch einen Aspekt der hoffen lässt. Frau Dr. Camilleris erzählte uns, dass die maltesischen Behörden über 65 % der Asylanträge bewilligt und der Anteil der abgewiesenen oder gar durch Frontex zurückgeführten Flüchtlinge gesunken ist. Dennoch kann es lange Zeit dauern bis die Flüchtlinge eine stabile Aufenthaltsgenehmigung erhalten; vorher haben sie keinerlei Krankenversicherung.

Ein weiteres großes Problem, welches durch die Dublin-II-Verordnung entstanden ist, ist die Beantragung auf Familienzusammenführung. Nicht der Flüchtling selbst hat das Recht eine Familienzusammenführung zu beantragen, sondern nur der Staat, der für den Asylantrag zuständig ist. Dies bedeutet beispielsweise, dass für einen Flüchtling, der auf Malta ankommt und dessen Ehefrau bereits in Italien lebt und dort ein Aufenthaltsrecht hat, nur die italienischen Behörden für die Ehefrau einen Antrag an die maltesischen Behörden auf Familienzusammenführung stellen können. Tragischer Weise sind die Behörden oft überfordert, unwillig oder bleiben schlicht untätig, so dass vielen Flüchtlingen ihr Recht auf Familienzusammenführung verwehrt wird und die Betroffenen keine Möglichkeit haben, sich dagegen zu wehren.

Im Anschluss an den Vortag von Fr. Dr. Camilleris, bekamen wir die Chance mit einem Flüchtling aus Eritrea, der inzwischen bei JRS aktiv ist, zu sprechen (seinen Namen möchten wir hier aus Sicherheitsgründen nicht nennen). Er erzählte uns seine persönliche Geschichte, wie er nach Malta kam und was er auf seinem Weg dorthin durchmachen musste. Er musste nach der Schule den obligatorischen Militärdienst absolvieren, doch nach Abschluss der 18 Monate verpflichtete ihn das Militär zu weiteren 20 Monaten ohne jegliche Bezahlung. Daraufhin demonstrierte er zusammen mit seinen Kollegen gegen diese Zwangsdienstleistung und wurden vom Militär inhaftiert. Auf dem Weg zum Gefängnis starben zwei seiner Mitstreiter durch einen von der Hitze herbeigeführten Schlag oder Herzinfarkt. In Haft wurde ihnen angedroht, dass „etwas passieren würde“ falls sie es nochmals wagen sollten, zu demonstrieren und sich gegen das Regime aufzulehnen. Trotz dieser Morddrohung blieb er zunächst im Land und studierte sogar. Nach Abschluss seines Studiums wurde er allerdings erneut vom Regime verschleppt und sechs Jahre lang zu Zwangsarbeit ohne jegliche Bezahlung gezwungen. Er wusste, er hatte keine Chance gegen seine Bedingungen zu demonstrieren, da ihm der Tod drohte und so entschloss er zusammen mit zwei anderen zu fliehen. Nach einem vorübergehenden Aufenthalt im Sudan floh er weiter nach Libyen. Die von kriminellen Schlepperbanden organisierten Transporte durch die Sahara kosten die Flüchtlinge viel Geld und sind extrem gefährlich, da es vorkommt, dass sich ein Wagen verfährt oder gar nicht erst ankommt. Anfang 2011 jedoch begann in Libyen der Krieg zwischen Rebellen und dem Gaddafi Regime und er sah sich wie schon im Sudan gezwungen, das Land zu verlassen. Der Weg Richtung Süden nochmals durch die Sahara war unmöglich, so blieb nur der Weg über das Mittelmeer. Ein weiteres Mal musste er Geld aufbringen um von einer Schlepperbande auf ein Boot zu kommen, welches ihn nach Malta brachte. In Malta angekommen, verbrachte er 4 Monate in einem Internierungslager, dann wurde sein Antrag auf Asyl bewilligt. Inzwischen, sagt er, hat er sich zurecht gefunden. Er arbeitet als Übersetzter und „Sozialarbeiter“ für den JRS und hat eine kleine Wohnung. Dennoch fühlt er sich in gewisser Weise noch immer fremd und einsam auf Malta und der Wunsch und die Hoffnung wieder nach Hause zu seiner Familie nach Eritrea zu kehren, ist ungebrochen. Bevor er in seine Heimat zurückkehren kann, müsste sich die politische Situation in Eritrea allerdings grundlegend ändern, denn dort droht ihm nach wie vor Verfolgung und Folter.

Dieses Zusammentreffen berührte uns zu tiefst und wir verließen das Jesuit Refugee Service Center in Valetta in Gedanken vertieft und mit großen Respekt solchen Menschen und auch den MitarbeiterInnen des JRS gegenüber, die jeden Tag die Stärke haben sich den unwürdigen Umständen der europäischen Migrations- und Flüchtlingspolitik entgegenzustellen und für bessere Bedingungen zu kämpfen. (PF/KM)

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