Vierte Station: Civitavecchia/Rom, Italien

Und dann war es tatsächlich soweit: unser letzter Tag der Exkursion. Wir waren schon morgens früh in Civitavecchia eingelaufen und nahmen uns aber noch die Zeit für eine Feedbackrunde an Bord. Dabei wurde deutlich, dass diese letzten Tage und Begegnungen bei uns allen einen bleibenden Eindruck hinterlassen hatten. Es war eine sehr intensive Zeit, die uns vor Augen geführt hat, wie wir unsere Studieninhalte praktisch erleben und anwenden können.

Nach hektischem Packen und Check-out mussten wir nun leider vom Peace Boat und der Crew Abschied nehmen. Allerdings blieb nicht lange Zeit zur Trauer, da wir zwar das Schiff verlassen hatten, aber in Rom noch ein weiteres interessantes Treffen auf dem Plan stand.

Am Abend kam unsere Gruppe ein letztes Mal zusammen, um von Marco Garofalo etwas über die Arbeit von Sant’Egidio zu erfahren. Marco Garofalo berichtete über die Arbeit von Sant’Egidio, insbesondere über ihre Arbeit als Mediatoren in Bürgerkriegen. Das wohl bekannteste Beispiel ist ihr Engagement im Fall Mozambique 1992. Sant’Egidio nahm Kontakt zu den Guerillakämpfern auf, überzeugten sie als Zeichen des guten Willens gefangen genommene Nonnen freizulassen und konnten so die Konfliktparteien an einen Tisch bringen.

Während eines Mediationsprozesses versucht Sant’Egidio stets Raum für konstruktive Verhandlungen bereitzustellen. Dabei sieht die Gemeinschaft ihre explizit religiöse Basis für ihre Arbeit als einen Vorteil, denn auch wenn sie keine Macht oder viel Geld besitzen, können sie auf die Kapazitäten ihrer Mitarbeiter zurückgreifen, die sich für den Frieden einsetzen.

Sant’Egidio wurde 1968 als eine christliche Laienbewegung gegründet und hat sich seitdem der Verbreitung des Evangeliums durch den täglichen Dienst an den Armen verschrieben. Marco Garofalo selbst ist Sant’Egidio mit 14 Jahren beigetreten. Seit ein paar Jahren ist er hauptberuflich für Sant’Egidio unterwegs. Zuvor arbeitete er als Archäologe. In dem Gespräch betonte er, dass die Mediationsarbeit nur einer der Pfeiler von Sant’Egidio ist und das Hauptaugenmerk auf der tagtäglichen Arbeit mit und für die Armen liegt. Er hat auch auf Mediationsversuche hingewiesen, die gescheitert sind wie in Algerien. Das Gespräch hat uns die Möglichkeit gegeben, Erfahrungen und Methoden der Mediation in Bürgerkriegen aus erster Hand kennenzulernen.

Das anschließende Abendgebet, an dem die gesamte Gruppe teilnahm, war ein schöner Abschluss. Es bestand vorwiegend aus einer Abfolge von Gesängen, die von einer kleinen Gesangsgruppe geleitet wurde und eine bewegende Stimmung in der Kirche schuf. Dies war ein „feierlicher“ Ausklang unserer spannenden und bewegenden Exkursion. Wir nehmen die vielen Eindrücke, Erfahrungen, Geschichten und Begegnungen mit nach Hause und werden uns in unserem Studium und/oder zukünftigen Arbeit auf die eine oder andere Weise von ihnen inspirieren und beeinflussen lassen. (LG/BS)

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Der zweite (komplette) Tag auf See: Dealing with the past

„Dealing with violent past in Germany“

Unser zweiter Tag auf See begann mit dem Vortrag von Prof. Hasenclever zur Rolle von Religion in bewaffneten Konflikten. Anschließend stand mittags unsere Präsentation zur deutschen Vergangenheitsbewältigung auf dem Programm.

Nach einem kurzen historischen Überblick zur deutschen Geschichte seit 1933 konzentrierten wir uns in vier Gruppen auf die Auswirkungen der deutschen Vergangenheit auf unsere Generation: Müssen wir uns heute noch schuldig fühlen für etwas, mit dem wir nichts zu tun hatten? Sind wir als Deutsche automatisch schuldig?

(c) Stacy Hughes

Dürfen wir stolz auf unser Land sein? Wieso haben wir solche Hemmungen, unsere Flagge selbst bei so harmlosen Ereignissen wie der Fußballweltmeisterschaft zu zeigen? Wie wird die deutsche Außenpolitik, v.a. in Bezug auf Rüstungsexporte und Militäreinsätze, von unserer Vergangenheit beeinflusst?

Wie wird das Thema Nationalsozialismus aufgearbeitet? Und wie gehen wir damit um, dass es in Deutschland immer noch Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus gibt?

Wie tragen unterschiedliche lokale, nationale und internationale Dialoge dazu bei, dass etwas so schreckliches nie wieder geschehen kann?

Abends stellten wir uns in einer Question & Answer-Runde den Fragen und Anmerkungen unserer Zuhörer. Die Reaktionen auf unsere Präsentation waren durchweg positiv und wir stellten fest, dass es zwischen Japan und Deutschland einige Gemeinsamkeiten gibt. So ist zum Beispiel auch in Japan das Flagge-Zeigen ein kontrovers diskutiertes Thema. Viele interessierte außerdem die deutsche Haltung zu Israel und der Palästinenserfrage: Warum kommt aus Deutschland so selten (und wenn, dann nur harmlose) Kritik an der israelischen Politik? Wie ist die Meinung dazu in der deutschen Gesellschaft? Aber auch für uns war es ein interessantes Treffen, da es uns die Möglichkeit bot, einigen japanischen Passagieren und den Hibakusha, die sich unsere Präsentation angehört hatten, Fragen zu Japans Umgang mit der eigenen Vergangenheit zu stellen. (AF)

Japans Umgang mit seiner Vergangenheit

Während unseres Vorbereitungsseminars in Deutschland haben wir uns auch eingehend mit Vergangenheitsaufarbeitung in Japan beschäftigt. Bereits da mussten wir feststellen, dass es im Vergleich zu Deutschland einige Unterschiede gibt. Denn eine kollektive Aufarbeitung der Kriegsvergangenheit gab es in Japan nie. Wichtig ist es hierbei zwischen Japan als „Opfer“ und Japan als „Täter“ zu unterscheiden: Japan ist zum einen Opfer der amerikanischen Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki und zum anderen Täter durch seine Besatzerrolle in Ostasien.

Die Hibakusha erzählten uns, wie wichtig es für sie ist, ihre Erlebnisse und ihr Schicksal anderen mitzuteilen, damit die jüngeren Generationen davon lernen und niemals vergessen. Gleichzeitig bemängelten sie und viele andere Japaner an Bord auch, dass der Täterrolle Japans zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts zu wenig Raum in der Gesellschaft gegeben wird.  Zum Beispiel widmen japanische Schulbücher der Kolonisierung Koreas und den damit verbundenen Gräueltaten nur wenige Zeilen, wobei Südkoreanische Schulbücher dieses Thema auf mehreren Seiten behandeln. Dies zeigt, wie wenig Japan die Opfer seiner Taten anerkennt und den Fokus der geschichtlichen Schulbildung auf seine Opferrolle legt.

Obwohl es bereits viele Projekte gibt, um die japanische Kriegsvergangenheit aufzuarbeiten, ist ein Wandel des schulischen Geschichtsunterrichts kaum in Sicht. So existiert zum Beispiel ein gemeinsames, japanisch-koreanisch-chinesisches, Geschichtsbuch, allerdings wurde es nicht verpflichtend in den Lehrplan aufgenommen. Jeder Lehrer muss selbst entscheiden, ob er es benutzen möchte oder nicht.

Aus unserer Sicht hingegen ist es nötig, dass eine Gesellschaft sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt und diese kritisch aufarbeitet, wie es in Deutschland geschehen ist, denn nur so kann eine Gesellschaft langanhaltenden Frieden finden. (BN)

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Dritte Station: Valetta, Malta

Nach einem Tag auf See war der Hafen von Valletta auf Malta unser nächster Stopp. Keiner von uns war je auf Malta gewesen und überhaupt hatten wir eigentlich keine Vorstellung davon, was uns erwarten würde. Die Ankunft war fast schon surreal: festungsgleich ragte die Insel aus dem Meer. Malte schien aus einem Gewirr von ockerfarbenen Häusern, Kirchen, Mauern und Säulen zu bestehen. Es war wenig verwunderlich, dass Filme wie Troja und Alexander hier gedreht wurden – man fühlte sich tatsächlich wie in eine andere Zeit versetzt.

Der EU-Beitritt 2004 und die 2003 von der EU verabschiedete „Dublin-II-Verantwortung“ hat enorme Auswirkungen auf das kleine Land mit Hinblick auf die vielen Flüchtlinge, die jedes Jahr mit dem Boot – besonders aus Nordafrika – nach Malta kommen.

Laut Dublin-II ist der EU-Mitgliedsstaat, in den eine Person zuerst (illegal) in die EU einreist für die Bearbeitung des Asylantrags zuständig. Somit wird – laut der EU – verhindert, dass Asylanten in mehreren EU Staaten gleichzeitig einen Asylantrag stellen und somit das System „missbrauchen“. Letztendlich führt die Dublin-II Verordnung dazu, dass wenige EU Staaten an den Außengrenzen – insbesondere Staaten am Mittelmeer wie Malta – für den Großteil der Flüchtlinge zuständig sind, während Staaten im Herzen Europas, z.B. Deutschland, nur für einen Bruchteil der Asylsuchenden verantwortlich sind und viele Flüchtlinge in ihre Ersteinreiseländer abschieben können.

Aufgrund dieser extrem Lage für Flüchtlinge und den unmenschlichen Bedingungen, denen sie in Europa ausgesetzt werden, stand auch diese Problematik im Mittelpunkt unseres Maltaaufenthaltes.  Mit unserem Besuch beim Jesuit Refugee Service (JRS) in Valletta wollten wir uns einen Eindruck der Lage der Flüchtlinge vor Ort machen. Durch die Schilderungen von Dr. Katrine Camilleris, die als Juristin für den JRS tätig ist, bekamen die Flüchtlinge in Malta ein Gesicht. Es ist eine Sache zu wissen, dass jedes Jahr 1.600 – 1.800 Flüchtlinge in Malta stranden, was bei einer Bevölkerung von ca. 450.000, sehr hoch ist; eine andere ist es, über den Ablauf eines Asylverfahrens auf Malta zu erfahren.

Dr. Camilleris

Das Prozedere, welches Flüchtlinge durchlaufen müssen, ist stets dasselbe, für Kinder gibt es dabei keine Ausnahme. Auf Malta angekommen werden alle Flüchtlinge registriert, und anschließend in sogenannte detention camps – Internierungslager – gebracht. Dort bleiben sie je nach Behördengeschwindigkeit bis zu 18 Monaten. In den detention camps gelten strenge Regeln, an die sich die Flüchtlinge halten müssen, sonst verlieren sie ihr „Anrecht“ auf ein Bett. Die Wohnbedingungen sind menschenunwürdig – erst vor kurzem wurden zerrissene Zelte als Unterkunft durch Container ersetzt. (Man muss dabei im Hinterkopf behalten, dass auf Malta im Sommer die Temperaturen konstant über 30 Grad Celsius liegen.) An Privatsphäre ist für die Menschen in den Containern gar nicht zu denken, sie leben zusammengedrängt auf engstem Raum ohne die Möglichkeit sich zurück zu ziehen. Die medizinische Versorgung ist nur sporadisch, die Lebensmittelversorgung minimal.

Doch gibt es auch einen Aspekt der hoffen lässt. Frau Dr. Camilleris erzählte uns, dass die maltesischen Behörden über 65 % der Asylanträge bewilligt und der Anteil der abgewiesenen oder gar durch Frontex zurückgeführten Flüchtlinge gesunken ist. Dennoch kann es lange Zeit dauern bis die Flüchtlinge eine stabile Aufenthaltsgenehmigung erhalten; vorher haben sie keinerlei Krankenversicherung.

Ein weiteres großes Problem, welches durch die Dublin-II-Verordnung entstanden ist, ist die Beantragung auf Familienzusammenführung. Nicht der Flüchtling selbst hat das Recht eine Familienzusammenführung zu beantragen, sondern nur der Staat, der für den Asylantrag zuständig ist. Dies bedeutet beispielsweise, dass für einen Flüchtling, der auf Malta ankommt und dessen Ehefrau bereits in Italien lebt und dort ein Aufenthaltsrecht hat, nur die italienischen Behörden für die Ehefrau einen Antrag an die maltesischen Behörden auf Familienzusammenführung stellen können. Tragischer Weise sind die Behörden oft überfordert, unwillig oder bleiben schlicht untätig, so dass vielen Flüchtlingen ihr Recht auf Familienzusammenführung verwehrt wird und die Betroffenen keine Möglichkeit haben, sich dagegen zu wehren.

Im Anschluss an den Vortag von Fr. Dr. Camilleris, bekamen wir die Chance mit einem Flüchtling aus Eritrea, der inzwischen bei JRS aktiv ist, zu sprechen (seinen Namen möchten wir hier aus Sicherheitsgründen nicht nennen). Er erzählte uns seine persönliche Geschichte, wie er nach Malta kam und was er auf seinem Weg dorthin durchmachen musste. Er musste nach der Schule den obligatorischen Militärdienst absolvieren, doch nach Abschluss der 18 Monate verpflichtete ihn das Militär zu weiteren 20 Monaten ohne jegliche Bezahlung. Daraufhin demonstrierte er zusammen mit seinen Kollegen gegen diese Zwangsdienstleistung und wurden vom Militär inhaftiert. Auf dem Weg zum Gefängnis starben zwei seiner Mitstreiter durch einen von der Hitze herbeigeführten Schlag oder Herzinfarkt. In Haft wurde ihnen angedroht, dass „etwas passieren würde“ falls sie es nochmals wagen sollten, zu demonstrieren und sich gegen das Regime aufzulehnen. Trotz dieser Morddrohung blieb er zunächst im Land und studierte sogar. Nach Abschluss seines Studiums wurde er allerdings erneut vom Regime verschleppt und sechs Jahre lang zu Zwangsarbeit ohne jegliche Bezahlung gezwungen. Er wusste, er hatte keine Chance gegen seine Bedingungen zu demonstrieren, da ihm der Tod drohte und so entschloss er zusammen mit zwei anderen zu fliehen. Nach einem vorübergehenden Aufenthalt im Sudan floh er weiter nach Libyen. Die von kriminellen Schlepperbanden organisierten Transporte durch die Sahara kosten die Flüchtlinge viel Geld und sind extrem gefährlich, da es vorkommt, dass sich ein Wagen verfährt oder gar nicht erst ankommt. Anfang 2011 jedoch begann in Libyen der Krieg zwischen Rebellen und dem Gaddafi Regime und er sah sich wie schon im Sudan gezwungen, das Land zu verlassen. Der Weg Richtung Süden nochmals durch die Sahara war unmöglich, so blieb nur der Weg über das Mittelmeer. Ein weiteres Mal musste er Geld aufbringen um von einer Schlepperbande auf ein Boot zu kommen, welches ihn nach Malta brachte. In Malta angekommen, verbrachte er 4 Monate in einem Internierungslager, dann wurde sein Antrag auf Asyl bewilligt. Inzwischen, sagt er, hat er sich zurecht gefunden. Er arbeitet als Übersetzter und „Sozialarbeiter“ für den JRS und hat eine kleine Wohnung. Dennoch fühlt er sich in gewisser Weise noch immer fremd und einsam auf Malta und der Wunsch und die Hoffnung wieder nach Hause zu seiner Familie nach Eritrea zu kehren, ist ungebrochen. Bevor er in seine Heimat zurückkehren kann, müsste sich die politische Situation in Eritrea allerdings grundlegend ändern, denn dort droht ihm nach wie vor Verfolgung und Folter.

Dieses Zusammentreffen berührte uns zu tiefst und wir verließen das Jesuit Refugee Service Center in Valetta in Gedanken vertieft und mit großen Respekt solchen Menschen und auch den MitarbeiterInnen des JRS gegenüber, die jeden Tag die Stärke haben sich den unwürdigen Umständen der europäischen Migrations- und Flüchtlingspolitik entgegenzustellen und für bessere Bedingungen zu kämpfen. (PF/KM)

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Workshop zu Atomenergie/Atomwaffen

Unsere Reise mit dem Peace Boat lebt davon, dass wir verschiedene Länder besuchen und dort mit Menschen in Konfliktsituationen und denen, die sich für sie engagieren, direkt in Kontakt treten. Unser erster Tag auf See, am 19. August hat uns allerdings auch gezeigt, dass das Peace Boat selbst eine Art schwimmenden Kontinent darstellt. An diesem ersten Tag auf See hatten wir deshalb ein volles Programm (erstes Treffen mit den IranerInnen, Mizuan (Vorstellungsrunde für die JapanerInnen), Japanese Cultural Introduction, Treffen mit den Hibakusha und nicht zuletzt die  Salsa-Party).

Der darauffolgende Tag – unser vierter auf dem Peace Boat – begann ebenfalls mit einem Treffen, genauer mit dem von uns geleiteten Workshop zu Atomenergie und Atomwaffen.

Ai spricht über Fukushima

Als Einstieg hielt Ai, eine Peace Boat-Mitarbeiterin, einen kurzen Vortrag über die Folgen des Reaktorunglücks in Fukushima. Sie selbst kommt aus der Präfektur Fukushima und berichtete von der Unsicherheit in den Monaten nach dem Unglück, als in den japanischen Nachrichten keine verlässlichen Informationen über die Gefahr der Verstrahlung außerhalb eines Radius von 20 km verfügbar waren, obwohl in bis zu einem Radius von 50 km nukleare Hotspots messbar waren. Sie hat deshalb zunächst ihren Wohnort verlassen und ist nach Osaka gegangen. Noch heute macht sie sich Sorgen um ihre Kinder, da die japanische Regierung den jährlich zulässigen Wert der Strahlung, der Personen ohne gesundheitliche Folgen ausgesetzt sein können, nach dem Unglück auf 20 msv pro Jahr erhöht hat (damit liegt er 20 mal so hoch wie der Richtwert der IAEA).

(c) Stacy Hughes

Nach dieser sehr persönlichen, berührenden Einführung stellten die iranischen Studierenden klar, dass große Teile der iranischen Bevölkerung auf Irans Recht zur friedlichen Nutzung der Atomenergie bestehen. Die Mitglieder der iranischen Delegation hingegen wünschen größtenteils eine vollständige Abkehr von der Atomenergie. Um die Basis für die folgenden Kleingruppengespräche zu schaffen, haben wir daraufhin einen kurzen Überblick über den deutschen Umgang mit Atomwaffen und Atomenergie gegeben und uns dabei auf Widersprüche im Umgang mit Atomwaffen (nukleare Sprengköpfe der US-Armee in Deutschland), den Atomausstieg und den Streit um ein Atomendlager konzentriert.

Anschließend haben wir in gemischten Kleingruppen diskutiert, ob wir Atomenergie weiter brauchen, ob Staaten ein Recht auf die Nutzung der Atomenergie und von Atomwaffen haben und ob ein Verbot von Atomwaffen (Global Zero) möglich und sinnvoll ist. Zwar waren wir uns alle einig, dass wir eine atomwaffenfreie Welt anstreben möchten und dass die Nutzung der Atomenergie wenn überhaupt nur eine Zwischenlösung darstellen kann. Über die Frage, wie wir diese Ziele konkret erreichen können, wurde allerdings hitzig diskutiert. Eine zufriedenstellende Antwort konnten wir hierfür nicht finden, allerdings hat uns die Diskussion mit IranerInnen und JapanerInnen neue Perspektiven eröffnet. Einerseits waren wir uns einig, dass kein Staat das Recht auf die Nutzung von Atomenergie haben sollte. Andererseits argumentierten die IranerInnen, durchaus nachvollziehbar, dass Iran derzeit ungerecht behandelt wird: Deutschland und Japan konnten die zivile Nutzung der Atomenergie bereits „ausprobieren“ und mit der Zeit zu dem Schluss kommen, dass es ungefährlichere und bessere Energiequellen gibt. Iran hingegen hatte diese Möglichkeit nicht und wehrt sich deshalb nun dagegen, dass andere Staaten ihm diese Möglichkeit nehmen wollen. Außerdem wird in Iran in der Öffentlichkeit nur über die Vorteile der Atomenergie berichtet, wodurch viele Menschen nichts über deren Gefahren wissen. In Japan hingegen unterstützen viele die Nutzung der Atomenergie, da ein Abschalten aller AKW viel Geld und vor allem viele Arbeitsplätze kosten würde.

Wir hätten sicher alle noch viele Stunden lang weiter diskutieren können, doch kurz nach der Mittagspause stand schon der nächste Termin an: Das Treffen mit dem Jesuit Refugee Service in Valetta. (AF/SV)

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Der erste (komplette) Tag auf See: Hibakusha

Die 80. Global Voyage des Peace Boats ist gleichzeitig auch die sechste „Global Voyage for a Nuclear-Free World – Peace Boat Hibakusha Project“. Dieses Projekt fand 2008 zum ersten Mal statt und bis Ende 2012 sind insgesamt 142 Hibakusha (Überlebende der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki) auf dem Peace Boat mitgefahren, um sowohl an Bord als auch in bestimmten Häfen ihr Zeugnis über die Atombombenabwürfe abzulegen. Dieses Mal sind neun Hibakusha aus beiden Städten an Bord des Peace Boat. Sie alle wurden von der japanischen Regierung zu „Special Communicators for a World Without Nuclear Weapons“ ernannt und sie möchten ihre Geschichte an jüngere Generationen weiter geben und somit die Welt über die katastrophale Zerstörungskraft von Atombomben informieren.

(c) Stacy Hughes

Beim Betreten des Raums, in dem unser Treffen mit den Hibakusha statt fand, fielen unsere Blicke auf die dort ausgestellten Bilder und Zeichnungen, welche das Geschehen von Hiroshima und Nagasaki dokumentieren. Bereits zu diesem Zeitpunkt war eine tiefe Betroffenheit zu spüren.

Tsuboi Susumu aus Hiroshima

Tsuboi Susumu aus Hiroshima war zum Zeitpunkt des Bombenabwurfs 17 Jahre alt. Er zeigte uns anhand von Bildern seine Nachbarschaft vor und nach dem Abwurf. Neben diesen sichtbaren materiellen und gesundheitlichen Zerstörungen, sind es die Ängste vor sozialer Ausgrenzung, die die Hibakusha zum Schweigen zwangen. So standen künftige Ehepartner und deren Familien einem Hibakusha sehr kritisch bis ablehnend gegenüber. Außerdem dauerte es sehr lange, bis die Regierung die Strahlungsschäden als Krankheit betrachtete und die Hibakusha mit besonderen Gesundheitspässen ausstattete. Doch viele der Hibakusha weigerten sich, diese Pässe zu benutzen – aus Angst vor einer weiteren sozialen Ausgrenzung.

Als wir den Hibakusha zuhörten, waren wir über ihre Offenheit und Ehrlichkeit erstaunt und dankbar. Erstaunt, weil es für uns unvorstellbar ist, wie schrecklich es sein muss, diese schlimmen Ereignisse wieder und wieder durchleben zu müssen. Dankbar, weil es immer noch Länder gibt, welche es für erstrebenswert halten, Atomkraftwerke zu installieren oder die Nutzung der Atomenergie auszuweiten.

Die Hibakusha sind Zeugen der Grausamkeit des Krieges. Diese Wunden jedoch besiegen sie durch ihren Einsatz für eine friedlichere Welt. Ihr Mut und ihr Engagement sind vor allem angesichts ihres Alters und Gesundheitszustandes höchst bewundernswert. (AF/RM)

 

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Der erste (komplette) Tag auf See: Iranische Studenten

Am Morgen des 19.8. trafen wir zum ersten Mal die Studierenden aus Iran, die am Tag zuvor in Piraeus an Bord gegangen waren: Golmehr, Maral, Elaheh, Hamid und Ahmad vom Tehran Peace Museum.

Maral, Ahmad und Hamid

Maral, Ahmad und Hamid

Unser erstes gegenseitiges Kennenlernen war für beide Seiten sehr interessant, aber auch unerwartet und teilweise etwas kurios. Wir hatten oft das Gefühl, dass die StudentInnen aus Teheran sich und ihr Land verteidigten ohne von uns kritisiert worden zu sein. So sagte zum Beispiel Hamid direkt am Anfang: „We’re peaceful people – we don’t have a bomb with us.“ („Wir sind friedliche Menschen – wir haben keine Bombe dabei.“) Sie erzählten uns auch, dass viele von den Menschen, die sie bisher getroffen hatten, Iran mit dem Irak verwechseln. Deshalb erklärten sie uns auch gleich vorneweg, dass sie keine Araber, sondern Perser sind (worauf Iraner sehr stolz sind).

Elaheh, Beatrice, Golmehr und Philippa

Natürlich redeten wir auch kurz über Atomenergie und Atombomben. Aufgrund der vielen Opfer des Iran-Irak-Krieges, in dem Irak Chemie-Waffen gegen die iranische Bevölkerung einsetzte, lehnt die Mehrheit im Iran Atomwaffen ab. Die Opfer dieser Waffen werden oft auch als iranische Hibakusha bezeichnet. Dennoch sind viele der Meinung, dass auch Iran ein Recht auf die zivile Nutzung der Atomenergie hat. In unserem Workshop zu Atomenergie/Atomwaffen am Tag darauf diskutierten wir jedoch noch ausführlicher über dieses Thema.

Für uns alle war es sehr spannend, mit Menschen aus Iran zusammen zu treffen und sich mit ihnen auszutauschen. Gerade in Deutschland ist es oft schwer einen wirklichkeitsgetreuen Einblick in die Ereignisse in diesem Land zu bekommen. Natürlich repräsentieren Golmehr, Maral, Elaheh, Hamid und Ahmad eine bestimmte Schicht: gebildet, jung, wohlhabend – genauso wie wir auch. Aber letztlich sind wir gar nicht so verschieden, wie man vielleicht denkt: Wir sind alle nur junge Menschen, die in Freiheit und Frieden leben und die Welt ein bisschen besser machen möchten. (AF)

 

 

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Der erste (komplette) Tag auf See: Japanische Kultur

Dass Japans Kultur und Gebräuche sich sehr stark von unserer eigenen unterscheiden, dürfte mit Sicherheit bereits den meisten von uns in den letzten Tagen aufgefallen sein. Aber das Peaceboat wäre nicht das Peaceboat, wenn man nicht die Gelegenheit hätte diese für uns noch fremde Kultur näher kennenzulernen.

Etliche japanische Passagiere haben sich heute die Mühe gemacht und für die Tübinger sowie die iranische Delegation ein Event veranstaltet, an dem ein kurzer Überblick über die japanische Kultur gegeben wurde.

Zunächst stand die traditionelle japanische Teezeremonie auf dem Programm, die schon seit über 500 Jahren eine der wichtigsten japanischen Zeremonien darstellt und auch heute noch praktiziert wird. Sie findet vor allem dann statt, wenn man einem Gast besonderen Respekt zollen möchte. Bei dieser Zeremonie geht es dabei weniger um das direkte Trinken des Tees, sondern vor allem um die Atmosphäre, die man während der Teezubereitung genießt. Die Zubereitung selbst ist fast eine Wissenschaft an sich. Jedes Instrument oder Geschirr, das verwendet wird, wird penibel gereinigt und jeder Handgriff folgt einer strikt festgelegten Reihenfolge. Man spürt bei jeder Bewegung die Detailverliebtheit der Japaner.

Danach bekamen wir eine kurze Demonstration einer Taiko-Truppe zu sehen bzw. zu hören. Taikos sind klassische japanische Trommeln, die oftmals von jeweils zwei Personen bespielt werden und oft an japanischen Sommerfesten verwendet werden. Als letzte Darbietung stellten uns einige Passagiere einen traditionellen Tanz vor, der vor allem in den Fischerdörfern im Norden von Hokkaido, der nördlichsten japanischen Hauptinsel, getanzt wird.

Nach den verschiedenen Darbietungen hatten wir zusätzlich noch die Gelegenheit an verschiedenen Stationen Dinge auszuprobieren, für die Japan bekannt ist. Einige Passagiere brachten uns bei wie man einen Origami-Kranich faltet, der in Japan ein Symbol für den Frieden ist während sich andere Studenten an japanischer Kalligraphie versuchten und ihre japanischen Namen auf Papier pinselten. Natürlich durfte auch die traditionelle japanische Kleidung auf diesem Event nicht fehlen, sodass einige von uns die Gelegenheit hatten in ein so genanntes Yukata, einer leichteren und vor allem im Sommer verwendeten Art eines Kimono, zu schlüpfen und Fotos zu machen.

Insgesamt hat diese kulturelle Einführung uns allen viel Spaß gemacht und interessante Erkenntnisse geliefert. Ein großer Dank gebührt deswegen allen beteiligten Personen, die sich freiwillig die Zeit genommen haben uns die japanische Kultur näherzubringen. (JT)

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Zweite Station: Piraeus, Griechenland

In der ersten Nacht unserer Reise auf dem Peace Boat haben wir eine größere Strecke zurückgelegt und den nächsten Tag in Athen, Griechenland verbracht. Tagsüber hatten wir Zeit, uns die Akropolis anzusehen. So sind wir – wie einige berühmte Denker vor uns – durch die Tempel gewandelt. Wobei diese die Mittagszeit jedoch eher im Schatten verbracht haben dürften. Im August zu dieser Zeit auf die Akropolis zu steigen, fällt eher Touristen ein. Dem wunderschönen Ausblick auf Athen hat das jedoch keinen Abbruch getan.

Am Abend trafen wir uns dann mit Mitarbeitern von AITIMA. Diese NGO setzt sich für Flüchtlinge in Griechenland ein und versucht sie zu unterstützen. Die Hilfe umfasst juristische, soziale und materielle Komponenten. Durch die hohe Zahl an Flüchtlingen und die gekürzten Mittel der EU für solche Organisationen wird es jedoch zunehmend schwieriger, die Arbeit zu bewältigen. Hinzu kommt die ökonomische Krise in Griechenland, die die sozialen Spannungen in der Gesellschaft und die Ressentiments gegenüber Flüchtlingen dramatisch verschärft haben.

Bei unserem Treffen hatten wir die Gelegenheit mit drei afghanischen Flüchtlingen zu sprechen, die bereits viele Jahre in Griechenland leben. Sie haben von ihrer Reise, den Lebensumständen und Problemen berichtet. Von staatlicher Seite bekommen Flüchtlinge keinerlei Hilfestellung, Anträge brauchen Jahre, um bearbeitet zu werden und sie werden immer wieder von der Polizei schikaniert.

Während einer der drei Flüchtlinge – Khaled – nach neun Jahren endlich als politisch Verfolgter anerkannt wurde, wartet Habib bis heute noch auf seinen Bescheid. Inzwischen hat er sich dazu entschieden, lieber nach Afghanistan zurückzukehren als weiter in Griechenland zu bleiben. Für ihn stellt es keinen Unterschied dar, in Afghanistan oder in Griechenland zu leben.

Die persönlichen Geschichten der drei Afghanen gingen uns sehr nahe und zeigten sehr eindrücklich, wie das Leben von Flüchtlingen in Griechenland wirklich aussieht. Dass so etwas in der EU möglich ist, sollte uns zu denken geben und zum Handeln bewegen. (AK/KK)

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Erste Station: Izmir, Türkei

Für die erste Station der Peace Boat-Exkursion 2013 trafen wir uns am Abend des 15. Augusts in Izmir, der drittgrößten türkischen Stadt. Am 16. hatten wir ein recht straffes Programm. Um neun Uhr morgens kam die für uns verantwortliche Peace Boat Koordinatorin Jasna zu uns ins Hostel, um das Programm der kommenden Tage mit uns zu besprechen. Danach fuhren wir in die Dokuz Eylül Universität, um dort einen Vortrag von Frau Dr. Müge Aknur beizuwohnen. Sie gab unserer Gruppe einen interessanten Abriss der türkischen Geschichte. Dabei erklärte sie insbesondere die Rolle des Kemalismus für die Türkei. Auch die Kurdenproblematik stand auf dem Programm. Schließlich ging es jedoch auch um die Proteste im Gezi-Park und deren Begründung in der aktuellen Politik der AKP-Regierung unter Premierminister Erdogan.

Am Nachmittag trafen wir Mitglieder der Human Rights Agenda Association. Mit diesen besprachen wir aktuelle Probleme in der türkischen Minderheitenpolitik. Besonderer Schwerpunkt war erneut die Entwicklung der Minderheitenrechte der kurdischen Bevölkerung. Daneben spielte auch die Problemstellung der Aleviten eine Rolle. Nach einem sehr interessanten Vortrag am Vormittag konnten wir hier speziell die Rolle und Situation der Menschenrechte vertiefen.

Am Abend schließlich fuhren wir in den Büyük Park, um uns mit Aktivisten der Gezi-Park-Bewegung in Izmir zu treffen. Thema dieses Parallel-Forums war die geplante Expo 2020 in Izmir selbst. Wie bereits aus Brasilien für die bevorstehende WM bekannt, sollen auch in Izmir ärmere Menschen aus Innenstadtvierteln verdrängt und Waldstücke abgeholzt werden. Wir bleiben gespannt, wie sich der Protest in Izmir fortentwickelt.

Am folgenden Vormittag machte ein Teil der Gruppe einen kurzen Moschee- und Basarbesuch, bevor es schließlich um 11.30 nach Kusadasi, dem Abfahrtshafen ging. Nach einem letzten Spaziergang in einer der größten Touristenstädte der Türkei ging es schließlich an Board wo wir vom Peace Boat-Staff, so wie von den Gästen sehr freundlich empfangen wurden.  (BK/CK/JK/MK)

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Warum nicht Ägypten?

Unsere Exkursion hätte ursprünglich in Kairo starten sollen. Dort hätten wir uns mit AktivistInnen der Protestbewegung in Ägypten getroffen und mit ihnen über die Ereignisse der letzten beiden Jahre diskutiert.

Seit Ende Juni wurde in Ägypten jedoch wieder demonstriert. Diesmal gegen den demokratisch gewählten Präsidenten Mohamed Mursi. Nachdem das Militär ihm ein Ultimatum gestellt hatte, welches er verstreichen ließ, wurde er schließlich abgesetzt und zusammen mit seinen Beratern und einigen Mitarbeitern verhaftet. Er wird bis heute an einem unbekannten Ort festgehalten.  Seither demonstrieren die Anhänger Mursis gegen dessen Absetzung und dessen Gegner für eine neue Regierung. Die Ausschreitungen sind seit dieser Zeit immer stärker eskaliert und gipfelten schließlich in anhaltend blutigen Auseinandersetzungen zwischen Sicherheitskräften und Demonstranten. Die Polizeigewalt bleibt auch unter dem Militärregime erhalten und ist somit eine der wenigen traurigen Konstanten in Ägypten.

Mitte Juli, als die Auseinandersetzungen zwischen Mursi-Anhängern und –Gegnern immer gewaltsamer wurden, haben wir uns schließlich dafür entschieden, nicht in Kairo an Bord zu gehen. Wir alle hätten Kairo und Ägypten, aber auch unsere Gesprächspartner, sehr gerne kennen gelernt. Es wäre aber schlicht unmöglich gewesen zu garantieren, dass alle von uns glücklich und gesund wieder nach Hause kommen.

So haben wir unsere Reise kurzfristig neu geplant und sind nun von Izmir (Türkei) aus gestartet und an der nächsten Station des Peace Boats, Kusadasi, zugestiegen.  Im Nachhinein haben wir erfahren, dass auch das Peace Boat aufgrund der aktuellsten Entwicklungen Port Said nicht angesteuert hat, sondern stattdessen über Zypern gefahren ist. Wir scheinen uns also richtig entschieden zu haben. (JM)

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